Erklärung anlässlich des Peter-Weiss-Preises 2023


„Um die Wahrheit zu finden, muss man diskutieren“
Peter Weiss


Liebe Jury des Peter-Weiss-Preises, liebe Vertreter*innen der Stadt Bochum,

ich möchte zunächst den Angehörigen der Opfer des Hamas-Massakers am 7. Oktober aus tiefstem Herzen mein Beileid ausdrücken. Ich kann nur ahnen, wie groß ihr Schmerz sein muss, ihr Verlust, ihr Bangen um die verschleppten Geiseln und wie nachhaltig die Trauer und der Schmerz anhalten werden. Mein Entsetzen und meine Abscheu über die fürchterliche Gewalt der Hamas war und ist eindeutig. Nichts kann diese Gewalt rechtfertigen. Ich bedaure zutiefst, dass es uns, die nicht persönlich betroffen sind, nicht gelungen ist, unser Beileid und unsere Solidarität sichtbarer und hörbarer  zu machen, dass viele jüdische Menschen auch hier in Deutschland sich alleingelassen fühlen müssen.

Es ist eigentlich eine Zeit fürs Innehalten, fürs Zuhören, für Empathie. Darum sollte es gehen. Israelische Menschen und deutsche Menschen mit engen israelischen Verbindungen bleibt kaum Zeit zum Trauern. Stattdessen müssen Jüdinnen und Juden sich erklären, müssen sich äußern und verteidigen in einer öffentlichen Diskussion, in der es offenbar an Anerkennung und Verständnis für das jüdische Trauma mangelt. Der Antisemitismus in Deutschland, der nie wirklich weg war, bricht 2023 erneut überall auf, viele jüdische Eltern haben Angst, ihre Kinder zum Kindergarten zu bringen, erkennbar religiöse Menschen haben Angst, sich in der Öffentlichkeit zu bewegen, jüdische Institutionen und Geschäfte werden bedroht und angegriffen. Das ist unverzeihlich. Es braucht deutlich mehr Räume, in denen nun um Verständnis und Verständigung gerungen wird, in denen wechselseitige Empathie und Reflektion stattfinden kann. An diesen Räumen müssen wir alle arbeiten. Vor allem wegen dieser benötigten Räume tut es mir leid, dass der Fokus stattdessen auf anderes gerichtet wird.

Der Antisemitismus in Deutschland kann nur gemeinsam bekämpft werden, in Koalitionen, in Solidaritätsgruppen und durch gemeinsamen Austausch, davon bin ich überzeugt. Ich bewundere alle, die in diesen so schwierigen Zeiten immer wieder den Mut und die Energie aufbringen, diese Räume aufrechtzuerhalten. Und ich bin dankbar für die Arbeit aller Personen, die erkennen, dass diese Räume diskriminierungskritisch sein müssen, und dass Antisemitismus beispielsweise unmöglich mit Anti-Muslimischem Rassismus bekämpft werden kann. Es gibt keine schnelle, einfache Lösung.

Als ich ca. 2015 die Petition von „Artists for Palestine UK“ unterschrieben habe, habe ich mich als Individuum solidarisch mit dem gewaltlosen Widerstand Kulturschaffender in Palästina positionieren wollen. Diejenigen, die meine künstlerische, kuratorische und aktivistische Arbeit kennen, wissen, dass es mir vor allem darum geht, Worte zu finden, das Gespräch zu suchen, im Dialog zu bleiben, manchmal mit Pausen, aber immer auf respektvolle Art und Weise. Ich würde einen solchen Aufruf heute nicht mehr unterzeichnen. Daher distanziere ich mich heute von der Petition und bemühe mich mit anwaltlicher Unterstützung meinen Namen von der Liste zu entfernen. Ich bin immer, und erst recht hier in Deutschland, für den Austausch.

Um die Wahrheit zu finden, muss man diskutieren. Kunst und Kultur haben dabei eine besondere Rolle. Wir müssen dabei Platz für Dissens haben, um gemeinsam um Verständigung zu ringen. Deshalb bin ich dankbar, wenn ich auf meine Fehler hingewiesen werde. Ich hoffe, dass diejenigen, die von meinen Handlungen negativ betroffen bzw. verletzt worden sind, mein ehrliches Bemühen erkennen können.

Ich bin zutiefst dankbar und voller Demut für die Anerkennung meiner Arbeit, die durch die Preisverleihung der Stadt Bochum angeregt wurde. Ich muss um Verständnis dafür bitten, dass ich den Preis nicht annehmen werde. Ich möchte weder die Jury, noch die Stadt Bochum noch den Namen von Peter Weiss mit den Vorwürfen gegen mich und die ausgelöste Debatte in Verbindung wissen.

Mein vorsichtiger und bescheidener Vorschlag wäre, den Preis für dieses Jahr aussetzen zu lassen und das Geld an eine gemeinnützige Organisation zu stiften, zum Beispiel an die Initiative „Gesellschaft im Wandel“. In diesem Format führen Jouanna Hassoun, eine deutsch-palästinensische Bildungsaktivistin, und Shai Hoffmann, ein deutsch-jüdischer Sozialunternehmer und Aktivist, bundesweit Gespräche an Schulen über den Nahostkonflikt. Ich bewundere ihre Arbeit und schätze ihr Engagement für politische Bildung, Multiperspektivität und Verständigung.

Herzliche Grüße,
Sharon Dodua Otoo

Kontakte

Achten Sie bitte bei der Kontaktaufnahme auf die korrekte Schreibweise der Vornamen: Sharon Dodua und des Nachnamens: Otoo. Eine Aufnahme zur Aussprache des Namens finden Sie » hier.

julia.giordano [at] fischerverlage.de
Presse-Anfragen

janina.bradacs [at] fischerverlage.de
Lesungen & Veranstaltungen

graf [at] agenturgraf.de
Literarische Agentur

bookings [at] sharonotoo.com
Sonstige Anfragen


Newsletter

Neues über meine Arbeit
auf Englisch  » via Ko-fi
auf Deutsch  » via Steady


// Impressum und Datenschutz